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Mit Pillen Energie tanken?
-Gesunde Ernährung braucht keine Ergänzungsmittel-
Rezeptfreie Tees zum Abnehmen, Pillen für den Muskelaufbau, Coenzyme als Jungbrunnen - mit dem Wellness-Boom kommen immer mehr so genannte Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt, die für Wohlbefinden und Gesundheit bis ins hohe Alter sorgen sollen. Mediziner und Ernährungswissenschaftler bezweifeln zumeist jedoch deren Nutzen und warnen vor allzu unkritischen Anwendungen.
Das klingt verlockend: Ein chinesisches Heilmittel lässt überschüssige Pfunde schwinden, baut die Muskeln auf und befreit nebenbei noch Heuschnupfenpatienten von ihrer Allergie. Der im Internet beworbene Wundertee aus Ephedra-Kraut darf zwar in Deutschland nicht vertrieben werden, lässt sich aber relativ leicht aus dem Ausland besorgen. Wer weiß schon, dass in den USA mehrere hundert Menschen durch die unkontrollierte Einnahme dieser und ähnlicher Gemische erkrankt sind? Bereits in diesem Frühjahr warnte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgW) dringend vor nicht zugelassenen Ephedra-Produkten, die international als Nahrungsergänzungsmittel gehandelt werden. Die Präparate könnten nämlich zu Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Krampfanfällen führen. Das aber verschwiegen die Hersteller des angeblich harmlosen Tees und führten den Verbraucher damit in die Irre.
Nahrungsergänzung - bitte Vorsicht! Nach deutschem Recht handelt es sich bei Nahrungsergänzungsmitteln um Lebensmittel, die einen oder mehrere Nährstoffe in konzentrierter Form enthalten und meist als Tablette, Pulver oder Tee angeboten werden. Im Unterschied zu den - im Aussehen ähnlichen - Arzneimitteln dürfen solche Erzeugnisse nicht mit Heilversprechungen beworben werden. Ein als "Schlankmacher" angepriesener Ephedra-Tee wäre in Deutschland ein apothekenpflichtiges Arzneimittel - wenn es denn alle Hürden der Zulassung genommen hätte. Um die aufwendige und teure Arzneimittelzulassung zu umgehen, deklarieren windige Hersteller ihre Produkte immer öfter als "Nahrungsergänzungsmittel".
Teurer Etikettenschwindel Neben solchen fragwürdigen und nicht selten gefährlichen Produkten gibt es eine Unmenge an Vitamin- und Mineralstoffpillen, die als Nahrungsergänzung auf dem Markt und über Reform- und Versandhäuser, Supermärkte, Drogerien, Apotheken oder Direktvertriebe zu beziehen sind. Zur Herstellung ist lediglich eine Gewerbeerlaubnis erforderlich. Wirksamkeits- und Unbedenklichkeitsnachweise werden nicht verlangt. Viele dieser Produkte können dem Verbraucher häufig den falschen Eindruck vermitteln, dass eine ausreichende Ernährung allein mit den üblichen und vertrauten Nahrungsmitteln nicht möglich sei. Die Mehrzahl der Ernährungswissenschaftler hält Nahrungsergänzungsmittel in den allermeisten Fällen jedoch für überflüssig. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gibt es für gesunde Menschen nur zwei Substanzen, die zusätzlich zugeführt werden sollten: Jod - in Form von jodiertem Speisesalz - und Folsäure für Schwangere. Mit allen anderen lebenswichtigen Nährstoffen wird der Körper bei einer gesunden, abwechslungsreichen Ernährung in ausreichender Menge versorgt.
Vitaminschub manchmal sinnvoll In bestimmten Lebensphasen und bei besonderer Belastung kann jedoch eine gezielte Ergänzung mit einzelnen Nährstoffen sinnvoll sein. Leistungssportler, aber auch Menschen mit bestimmten chronischen Krankheiten haben einen erhöhten Vitamin- und Mineralstoffbedarf, der sich allein durch den Verzehr von Obst und Gemüse nicht immer decken lässt. Im Übrigen gilt: Wir können uns nicht immer und überall gesund ernähren; gegen die gelegentliche Einnahme von Multivitamin- und Mineralstorrpräparaten ist deshalb kaum etwas einzuwenden. Im Zweifelsfall ist es besser, den Hausarzt um Rat zu fragen. Das gilt erst recht, wenn es um "exotische" Ergänzungen geht, die in den üblichen Vitamin- und Mineralstoffcocktails nicht enthalten sind. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei neuerdings die Spurenelemente, von' denen einige antioxidativ wirken sollen, das heißt den Organismus vor sauerstoffbedingten schädlichen Einflüssen schützen. Auf diesem Gebiet ist jedoch noch sehr viel Forschungsarbeit nötig. Derweil empfiehlt es sich, vollmundige Versprechungen kritisch zu hinterfragen und - auch mit Rücksicht auf den Geldbeutel - mit Nahrungsergänzungsmitteln jeglicher Art eher sparsam umzugehen.
Kreatin - gefährlich oder harmlos? Ein stark umstrittenes Präparat zur Nahrungsergänzung ist Kreatin, ein natürliches Eiweißprodukt, das den Muskelaufbau fördert. Einen Teil des täglichen Bedarfs produziert die Leber selbst, der Rest stammt aus Fleisch und Fisch. Viele Leistungssportler, aber auch Jugendliche und Breitensportler, schlucken zusätzlich Kreatin. Wie sich die hoch dosierte Einnahme auswirkt, ist nicht bekannt. Das französische Gesundheitsministerium hat - im Gegensatz zu Deutschland - den kommerziellen Handel mit Kreatin inzwischen verboten. Als Begründung wurde ein nicht auszuschließendes Krebsrisiko angeführt.
Was ist dran an Coenzym Q 10? Derzeit wird viel für den "Vitalstoff" Coenzym Q10 geworben, der den Alterungsprozess verlangsamen und schädliche Stoffe im Körper abfangen soll. In der Regel liefert die tägliche Nahrung (z.B. Fleisch, Butter, Maiskeimöl) diese Substanz in ausreichender Menge; umstritten ist, ob zusätzliches Coenzym Q10 nützlich ist. Deshalb gilt auch hier das Gebot der Zurückhaltung.
Tipps von der AOK - Ernährungsberatung "Ob die im Labor hergestellten Nahrungsergänzungsmittel im Körper genauso wirken wie ihre natürlichen Vorbilder, weiß man nicht. In der Natur kommen diese Wirkstoffe immer im Verbund mit unzähligen anderen Substanzen vor. Und nur das feine Zusammenspiel aller Nährstoffe sorgt für den entsprechenden Effekt. Die wahllose Einnahme von hoch konzentrierten Wirkstoffpräparaten kann dieses komplizierte Gleichgewicht des Stoffwechsels empfindlich stören." Katharina Titzck, Diplom-Ökotrophologin, sie berät und informiert AOK-Versicherte persönlich und individuell zu allen Fragen der Ernährung
aus: Praxis Aktuell Das AOK - Magazin für Unternehmen in Hamburg. Ausgabe 4. November 2002
Weitere Infos zum Thema: http://www.aok.de
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