Warum ist Krankengymnastik bei Muskelkranken so wichtig?
(Auszug aus unserem Jahrbuch 2004)
Warum ist Krankengymnastik bei Muskelkranken so wichtig?
Wer den Begriff „Muskelschwund“ hört, stellt sich darunter vielleicht einen abgemagerten
Rollstuhlfahrer mit verkrümmtem Rückgrat und deformierten Armen und Beinen vor, der sein Leben in keiner Weise selbst bestimmen und organisieren kann. „Muskelschwund“ ist darüber hinaus ein Oberbegriff für „Muskelschwäche“ oder „Kraftlosigkeit“, der jedoch mit einer spezifischen Krankheit nicht in Verbindung gebracht werden kann. Er wird fälschlicherweise oft als Synonym für „M. S.“, also die Multiple Sklerose, verwendet, weil es dem Wortklang nach nahe liegt. Diese Verknüpfung ist allerdings fatal, weil sie ein völlig falsches Bild abgibt. Am ehesten können wir „Muskelschwund“ mit Muskelkrankheiten verbinden, zumal bei vielen dieser Leiden tatsächlich Muskelsubstanz verloren geht.
Auf Grund der enormen Vielzahl von (mittlerweile genetisch) unterscheidbaren Einzelerkrankungen finden wir jedoch nicht nur rollstuhlpflichtige Kranke, sondern auch (noch) voll erwerbstätige „Leichtkranke“, denen auf Grund ihrer äußerlich unauffälligen Erscheinung nicht selten Simulantentum unterstellt wird, wenn sie nicht immer so schnell reagieren wie gesunde Kollegen. Wer kann schon unterscheiden zwischen jemandem, der Rückenschmerzen durch seinen Bürojob erleidet, und jemandem, der auf Grund seiner geschwächten (Fehl-)Haltung dauerhaft solchen Muskelstress verspürt, als ob ihm „das Kreuz zerbrechen“ würde?
In der Therapiesituation unserer Klinik finden wir das gesamte Spektrum von Muskelkrankheiten vor. Um es noch ein wenig genauer zu sagen: die meisten „neuromuskulären Erkrankungen“. Dieser fachlich korrekte Begriff besagt nämlich, dass außer den reinen Muskelveränderungen auch andere Degenerationen eingerechnet werden, die erst zweitrangig („sekundär“) zum „Muskelschwund“ führen. Und das geht so:
Jeder Muskel ist wie ein Motor vorstellbar, der aber nie für sich funktionieren kann. Er benötigt Kraftstoff und einen „Gasgeber“, um ihn adäquat einsetzen zu können. Der Kraftstoff muss im menschlichen Körper erzeugt werden und steht als komplizierte Phosphat- und Zuckerverbindungen zur Verfügung, wenn wir gesund sind.
Der „Gasgeber“ ist immer ein zuleitender Nerv, der über elektrische Impulse seinen Muskel antreibt. Es ist leicht zu verstehen, dass ein so komplexes Geschehen nicht immer selbstverständlich funktionieren kann und an vielen kleinen Stellen verletzlich ist. Es reicht leider schon eine einzige kleine Störung in der Gesamtabstimmung aus, um Muskelschwächen bis hin zum „Muskelschwund“ zu bewirken.
Im Folgenden möchte ich vom therapeutischen Vorgehen berichten, das sich nach den bisherigen Darstellungen an jeweils individuellen Patientensituationen auszurichten hat. Wegen der enormen Streubreíte neuro-muskulärer (also nervenleitungsbedingter) Erkrankungen (über 600 wissenschaftlich klassifizierte Untergruppen) ist es unerlässlich, nach ärztlicher Vorgabe einen genauen Status des Betroffenen zu erheben, um ihn überhaupt effektiv behandeln zu können.
Die „Deutsche Muskelschwund-Hilfe“ hat es ermöglicht, im „Zentrum für neuromuskuläre Erkrankungen“ an der ASKLEPIOS Weserberglandklinik einen Stab von Therapeuten zu fördern, der sich besonders intensiv mit solchen Kranken beschäftigt, die an anderen Facheinrichtungen leider oft nicht richtig verstanden und damit auch nicht effektiv behandelt werden können.
Was ist das Besondere an der Physio- und Ergotherapie im Behandlungszentrum WBK?
„Neuromuskuläre Erkrankungen“ sind bis heute, von wenigen Ausnahmen (stoffwechselunterstützende Medikamente, Wirbelsäulen- oder Gelenkdeformierung reduzierende Operationen) abgesehen, einer ärztlichen Behandlung nicht zugänglich. Therapeutische Maßnahmen sind oft die einzige Chance, die Selbstheilungskräfte des muskelkranken Organismus so zu stimulieren, dass eine spürbare Muskel-Stärkung und Verbesserung der Lebensqualität resultiert.
Einige der relevanten klinischen Fragestellungen können sein:
• Erhält der Patient Gehfähigkeit, unterscheidbar nach Aufstehfähigkeit, oder nicht?
• Erlangt er die Fähigkeit Treppen oder schräge Ebenen zu gehen?
• Werden diese Fähigkeiten durch Gelenksteifigkeit erschwert?
• Gibt es Kraft- und Bewegungs-Defizite an Rumpf oder Armen/Beinen?
• Oder Defizite bei der Atmung, beim Essen, beim Schlucken?
• Stehen versteckte Funktionsreserven zur Verfügung?
• Kommt es zu zusätzlichen Gefühlsstörungen?
• Treten Schmerzen auf, die evtl. einer konkreten und behandelbaren Ursache zugeordnet werden können?
• Analyse der Frage ob eine Rollstuhlpflichtigkeit vorhanden ist, ggf. mit der Fähigkeit, einen (unterstützten) Handrollstuhl zu benutzen.
• Analyse des häuslichen Umfeldes mit der Fragestellung nach geeigneten Hilfsmitteln. Um die gestellten Fragen beantworten zu können, ist ein angemessener Befund bezüglich Kraftstatus und Alltagsausdauer notwendig, wie wir ihn seit vielen Jahren benutzen. Er wurde eigens entwickelt und spiegelt die praktischen Erfahrungen mit 2500 behandelten Patienten wider, eine anderswo noch nicht erreichte Anzahl.
Dieser Befund ist genormt und basiert auf Zahlencodes, die untereinander vergleichbar sind und von verschiedenen Therapeuten gleich interpretiert werden können, sodass eine wissenschaftlich objektive Vergleichsmessung möglich ist. Weiter sind Verlaufsbeobachtungen ein Schwerpunkt, denn nur so lassen sich Krankheitsverläufe über viele Jahre verfolgen, vergleichen und mit den erfolgten Therapieschwerpunkten
abgleichen. Letztlich stellen wir uns auch der Frage, wie effizient welche Maßnahmen bei welchen Krankheitsuntergruppen wirken.
Nur so können wir vermeiden, dass die Kostenträger die Behandlung von „unheilbar Kranken“ mit dem Hinweis auf volkswirtschaftliche Ineffizienz hinterfragen oder ablehnen.
Die Behandlung basiert auf verschiedenen Säulen:
• Maßnahmen, die die Aktivität des Patienten erfordern und ein „Ausprobieren“ eigener Fähigkeiten ermöglichen (vor dem Hintergrund, dass kein Betroffener seine Reserven voll nutzt, da er sich vor Stürzen und Verletzungen schützen will). Mit Aktivitäten sind hier physio- und ergotherapeutische Übungsbehandlungen gemeint, wobei besonders die Art und Weise und nicht der Name des angewendeten Verfahrens den Vertrauensvorschuss bewirkt, den der Patient aufbringen muss, um sich der therapeutischen Herausforderung zu stellen. Wir sollten nicht verhehlen, dass genau hier die spezielle Ausbildung, Erfahrung und das Fingerspitzengefühl der Therapeuten zur Geltung kommen.
• Maßnahmen, die komplexe Muskelarbeit anregen. Dies geschieht im Allgemeinen durch Üben an der individuellen Grenze der Belastbarkeit.
Die einzigartige Ausstattung der Klinik mit Geräten und Vorrichtungen erlaubt es, jedem Krankheitsbild gerecht zu werden. Von der simulierten Schwerelosigkeit (Schlingentisch, Bewegungsbad) über Stehtraining für Rollstuhlfahrer (Kreislauf- und Gelenktraining im Kipptisch oder Stehrollstuhl) und Balanceübungen (das gesamte Spektrum von „Kippel-, Spring- und Schwingvorrichtungen“) reichen die Möglichkeiten bis zur Gangsimulation in sicherer Aufhängung oder im Bewegungsapparat.
Am Ende einer angemessenen Behandlungsphase (ideal ca. 5 Wochen) steht dann meistens eine mess- und fühlbare Leistungssteigerung als Reserve für den Alltag. Rein passive „muskelpflegende“ und stoffwechselanregende Maßnahmen:
Absolute Favoriten sind bei den Patienten angenehme Wärmebehandlungen wie warme Bäder oder lokale Fangopackungen, die für eine optimale Einstimmung auf die folgenden anstrengenden Übungen sorgen. muskelentkrampfend und schmerzlindernd wirken Stromund Ultraschallbehandlungen oder die beliebte Elektromassage.
Selbstverständlich gehört zum Basisangebot der Therapie die klassische manuelle Massage, die mit viel Erfahrung und Feingefühl Muskelverhärtungen und Schmerzen ausmerzen kann. Bei Bedarf verordnet der Arzt besondere Massagetechniken, die vermehrt Gelenk- und Bindegewebsstrukturen beeinflussen.
Das Therapieangebot für neuromuskulär Erkrankte wurde über viele Jahre erarbeitet und in strukturierte Behandlungspläne eingebaut. Ebenfalls seit vielen Jahren veranstaltet das Therapeutenteam gefragte Seminare, die Patienten mit ihren Angehörigen und die behandelnden Therapeuten ansprechen. Ärzte und Therapeuten der Klinik berichten auf Kongressen und in Fachzeitschriften über die einzigartigen Erfahrungen und angewendeten Spezialverfahren.
Seit einigen Jahren organisieren wir Sommeraufenthalte für muskelkranke Kinder mit ihren Eltern.
Anja Schüte, in der DMH engagiert, konnte sich ein eigenes Bild dieses „Sommercamps“ verschaffen und erleben, wie die Kinder unter Ihresgleichen aufblühen und Therapie und Spaß miteinander verbinden. Auch die Auszubildenden der angeschlossenen Physiotherapieschule sollten hier erwähnt werden, weil sie sich liebevoll und mit großem Engagement in Pusteworkshop, Spielgruppen und Einzelbehandlungen bei den Kindern einbringen.
Wünschen wir uns, dass wir die Kostenträger auch in der Zukunft von diesen einzigartigen Möglichkeiten und Chancen überzeugen und sie dafür gewinnen können.
Martin Kemper
Physiotherapeut
Zu Ihrer Information
Mit der Umwandlung der Asklepios Weserbergland-Klinik in Höxter in eine Fachklinik für neurologische und orthopädische Rehabilitation ändert sich das Antragsverfahren für eine stationäre Rehabilitation.
So geht es ab dem 1. Januar 2005 weiter:
Mit einem formlosen Schreiben bitten Sie Ihre Krankenkasse Ihnen ein Antragsformular für die Einleitung von Leistungen zur Rehabilitation zuschicken. Dieses Antragsformular füllen Sie zusammen mit Ihrem behandelnden Arzt aus. Dann schicken Sie es zur weiteren Bearbeitung an die Krankenkasse.
Bitten Sie ihren Hausarzt, dass er vermerkt, dass die Rehamaßnahme unbedingt in der Asklepios Weserbergland-Klinik in Höxter, Therapiezentrum für neuromuskuläre Erkrankungen, durchgeführt werden soll.
Wie geht es mit der Studie unter Rehabedingung weiter? Es ändert sich definitiv nichts. Das Behandlungskonzept nach Art und Umfang läuft unverändert weiter.
Sollte es bei dem Antragsverfahren in irgendeiner Form Schwierigkeiten geben, rufen Sie uns gerne an. Sie erreichen uns unter der Nummer 040-3232310 oder direkt in der Asklepios Weserbergland-Klinik unter 05271-982223.
Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf unser Homepage unter www.muskelschwund.de
Den Auszug oder auch das gesamte Jahrbuch können Sie auch hier herunterladen:
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